Direkt zum Inhalt springen
WürdeZeit

Jemanden begleiten, der trauert

Sie sind hier richtig, auch wenn Sie selbst nicht trauern. Diese Seite ist für die Menschen daneben — Angehörige, Freunde, Nachbarn, Kollegen.

Die meisten Menschen tun zu wenig, nicht weil ihnen der andere gleichgültig wäre, sondern weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen. Diese Angst ist der eigentliche Schaden: Nach ein paar Wochen wird ein Trauernder kaum noch angesprochen — und das verletzt weit mehr als jeder unbeholfene Versuch.

Sie können hier wenig falsch machen. Sie müssen nichts erklären, nichts einordnen und nichts besser machen. Fast alles, was Sie tun, ist besser als nichts zu tun.

Der häufigste Fehler: „Melde dich, wenn du etwas brauchst“

Der Satz ist freundlich gemeint und schiebt doch die ganze Arbeit zurück: Der Trauernde müsste erkennen, was er braucht, entscheiden, wen er fragt, und dann um Hilfe bitten. Genau dazu ist in diesen Wochen kaum jemand in der Lage. Die meisten melden sich nie — und wer wartet, hält das für Zurückhaltung.

Machen Sie es umgekehrt. Bieten Sie etwas Bestimmtes an, zu einem bestimmten Zeitpunkt, und lassen Sie nur noch das Nein übrig. „Ich komme Donnerstag um vier und bringe Suppe mit. Wenn es nicht passt, schreib mir, dann stelle ich sie vor die Tür.“

Was wirklich hilft

Nichts davon ist groß. Das ist kein Mangel — in den ersten Wochen zählt, wer den Alltag trägt, nicht wer die richtigen Worte findet.

Essen bringen
Nicht fragen, ob. Etwas kochen, in einer Schale, die nicht zurückmuss, und vor die Tür stellen. Eine kurze Nachricht dazu: „Steht vor der Tür, muss nicht zurückgegeben werden.“
Den Einkauf mitmachen
Nicht „brauchst du was?“, sondern „ich fahre Donnerstag um vier zum Supermarkt, ich bringe dir Milch, Brot und was du sonst brauchst — schreib mir eine Liste oder auch nicht.“
Mit zum Amt gehen
Standesamt, Rentenversicherung, Bank. Nicht um zu reden, sondern um daneben zu sitzen und sich zu merken, was gesagt wurde. Wer frisch trauert, behält nichts.
Die Post sortieren
In den ersten Wochen kommt vieles, und manches hat Fristen. Zwei Stapel: „muss diese Woche“ und „kann warten“. Mehr nicht — entschieden wird nicht von Ihnen.
Fahren
Zum Friedhof, zum Arzt, zum Bestatter. Besonders, wenn der Verstorbene derjenige war, der immer gefahren ist.
Da sein, ohne Programm
Nebeneinander auf dem Sofa sitzen und fernsehen ist ein vollwertiges Angebot. Es muss nicht geredet werden, damit ein Besuch etwas wert war.

Bei allem, was mit Fristen, Ämtern und Unterlagen zu tun hat, hilft die Checkliste — auch Ihnen. Sie lässt sich ausdrucken und abhaken, und Sie können sie jemandem hinlegen, statt ihn zu fragen, was zu tun ist.

Die Beerdigung

Hingehen. Auch wenn Sie den Verstorbenen kaum kannten, auch wenn Sie unsicher sind, ob Sie dazugehören. Wer da war, wird erinnert; wer gefehlt hat, auch.

Nicht in der Schlange stecken bleiben. Beim Kondolieren steht eine Reihe hinter Ihnen. Zwei Sätze genügen — Ihr Name, wenn er unsicher sein könnte, und ein Satz zum Verstorbenen. Das längere Gespräch kommt später, und es kommt nur, wenn Sie sich später noch einmal melden.

Eine Erinnerung mitbringen ist mehr wert als ein Beileid. „Ihr Mann hat mir vor Jahren mein Auto wieder angeworfen, mitten im Winter“ gibt etwas, das der Trauernde behalten kann. Beileidsformeln geben nichts.

Was genau man sagt und was man besser lässt, steht auf Worte finden, samt Beispieltexten für die Karte.

Wenn Sie abgewiesen werden

Es kann passieren, dass Ihr Anruf nicht angenommen wird, dass kurz angebunden geantwortet wird oder dass jemand Ihr Angebot ohne Begründung ablehnt. Das ist fast nie gegen Sie gerichtet. Trauer macht dünnhäutig und unzuverlässig; manche Tage sind nicht zu bewältigen, und wer gerade keine Kraft hat, kann sie auch nicht für Höflichkeit aufbringen.

Nehmen Sie es nicht als Schlusspunkt. Melden Sie sich in zwei Wochen wieder, ohne die Zurückweisung zu erwähnen. Genau darin liegt der Unterschied zwischen jemandem, der einmal gefragt hat, und jemandem, auf den Verlass ist.

Sagen Sie dabei ruhig, dass Sie nicht gekränkt sind: „Ich melde mich einfach wieder, du musst nicht antworten.“ Das nimmt dem anderen die Verpflichtung, sich zu erklären.

Die Zeit, in der alle anderen aufgehört haben

In den ersten zwei, drei Wochen ist viel los: Besuch, Anrufe, Organisation. Danach wird es still — und genau dann beginnt für viele die schwerste Zeit, weil das Begreifen erst einsetzt, wenn die Betriebsamkeit vorbei ist.

Tragen Sie sich jetzt einen Termin ein. In drei Monaten. Und einen zum ersten Todestag, zum Geburtstag des Verstorbenen und zu Weihnachten. Ein Anruf an einem dieser Tage ist mehr wert als zehn in der ersten Woche.

Sie müssen dafür nichts vorbereiten. „Ich habe heute an deinen Mann gedacht“ reicht vollkommen aus.

Woran Sie merken, dass mehr nötig ist als Sie

Trauer ist keine Krankheit, und fast alles, was daran erschreckend aussieht, ist normal — Weinen, Wut, Erstarrung, das Gefühl, den Verstorbenen zu hören. Es gibt aber Anzeichen, bei denen Zuwendung allein nicht genügt:

  • Äußerungen, nicht mehr leben zu wollen — auch beiläufige, auch scherzhafte.
  • Wenn jemand über Wochen nicht mehr isst, nicht schläft oder die Wohnung nicht mehr verlässt.
  • Wenn deutlich mehr Alkohol oder Tabletten ins Spiel kommen.
  • Wenn sich nach vielen Monaten nichts bewegt — nicht „es geht ihm nicht gut“, sondern buchstäblich derselbe Zustand wie am Anfang.

Spielen Sie dabei keine Diagnose. Sagen Sie, was Sie sehen, nicht was Sie vermuten: „Du isst seit Wochen fast nichts, und das macht mir Sorgen.“ Und bieten Sie an, den ersten Schritt mitzugehen — beim Hausarzt anrufen, mitkommen, im Wartezimmer sitzen bleiben.

Bei Äußerungen über Lebensmüdigkeit warten Sie nicht ab und prüfen Sie nicht, wie ernst es gemeint war. Die Telefonseelsorge ist Tag und Nacht erreichbar, kostenlos und vertraulich — auch für Sie, wenn Sie nicht wissen, wie Sie damit umgehen sollen.

Hilfe finden

Und Sie selbst

Jemanden über Monate zu begleiten, kostet Kraft — besonders, wenn Sie den Verstorbenen selbst gekannt und geschätzt haben. Dass Sie nicht trauernd im Mittelpunkt stehen, heißt nicht, dass Sie nichts verloren haben.

Sie dürfen Grenzen ziehen. Ein Angebot, das Sie einhalten können, ist mehr wert als eines, das Sie nach vier Wochen zurücknehmen müssen. Lieber jeden Donnerstag eine Stunde als jeden Tag, bis Sie nicht mehr können.

Und wenn Sie merken, dass es Ihnen selbst zu nahe geht, ist das kein Versagen. Die Anlaufstellen unter Hilfe finden sind auch für Menschen da, die begleiten.