Direkt zum Inhalt springen
WürdeZeit

Die Jahrestage kommen

Im ersten Jahr kommt jedes Datum zum ersten Mal ohne den anderen. Und irgendwann stellt sich die Frage, auf die niemand von außen antworten kann: Darf ich wieder?

Im ersten Jahr kommt jedes Datum zum ersten Mal ohne den anderen. Sein Geburtstag. Der Hochzeitstag. Weihnachten, Ostern, der erste Urlaub, der nicht stattfindet. Und schließlich der Todestag selbst.

Diese Tage sind schwer. Aber viele Trauernde berichten etwas Merkwürdiges: Oft ist die Woche davor schlimmer als der Tag selbst. Die Anspannung im Voraus kostet mehr Kraft als das Datum, wenn es dann da ist.

Was an Jahrestagen hilft

  • Planen Sie den Tag, statt ihn abzuwarten. Ein Tag mit Vorhaben ist leichter als ein leerer Tag, an dem man auf das Gefühl wartet. Das muss nichts Großes sein.
  • Sagen Sie vorher Bescheid. Ein Anruf bei den Kindern oder einer Freundin: „Am Zwölften wäre unser Hochzeitstag.“ Die meisten Menschen denken nicht daran und sind dankbar für den Hinweis.
  • Erfinden Sie ein eigenes Ritual. Sein Lieblingsessen kochen. Die Strecke gehen, die Sie zusammen gegangen sind. Eine Kerze und eine halbe Stunde Musik. Es gibt keine Vorschrift, wie man das macht.
  • Sie dürfen absagen. Weihnachten bei den Kindern, die goldene Hochzeit der Nachbarn, der Geburtstagskaffee — wenn Sie das nicht können, dann können Sie es nicht. Das versteht man, und wer es nicht versteht, hätte es auch mit besserer Erklärung nicht verstanden.

Die Sachen, die noch da sind

Der Schrank mit seinen Hemden. Die Zahnbürste. Die Lesebrille auf dem Küchentisch. Irgendwann wird jemand fragen, ob das nicht langsam weg könnte.

Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt dafür, und es gibt keine Reihenfolge, die man einhalten müsste. Manche räumen nach drei Monaten aus und sind erleichtert. Andere lassen den Schrank fünf Jahre zu und öffnen ihn dann an einem beliebigen Dienstag. Beides ist in Ordnung.

Was vielen geholfen hat:

  • Nicht alles auf einmal. Eine Schublade. Dann aufhören.
  • Eine Kiste, die bleibt. Vorher festlegen: Diese Kiste wird nie durchgesehen und nie aussortiert. Das macht das Weggeben des Übrigen leichter.
  • Weitergeben statt wegwerfen. Der Enkel bekommt die Uhr, die Nachbarin den Mantel. Vielen fällt das erheblich leichter, als Dinge in den Container zu tun.
  • Jemanden dabeihaben. Nicht zum Helfen — zum Danebensitzen.

Sie müssen nicht loslassen

„Du musst jetzt langsam loslassen.“ Dieser Satz wird oft gesagt und er richtet Schaden an, weil er den Eindruck erweckt, es gäbe eine Aufgabe, an der man scheitern kann.

In der Trauerforschung hat sich seit den neunziger Jahren eine andere Sicht durchgesetzt: Die Bindung an einen verstorbenen Menschen endet nicht, sie verändert ihre Form. Man führt weiter Gespräche mit ihm. Man überlegt, was er dazu gesagt hätte. Man behält den Ring. Das ist kein Festhalten an etwas Ungesundem, sondern der übliche Weg.

Was sich ändert, ist nicht die Verbindung, sondern der Platz, den der Schmerz im Tag einnimmt. Am Anfang ist er alles. Später ist er da und geht wieder. Irgendwann kommt ein Tag, an dem Sie abends merken, dass Sie den ganzen Nachmittag nicht daran gedacht haben — und darüber erschrecken.

Dieses Erschrecken ist kein Verrat. Es ist der Beginn davon, dass es wieder geht.

Darf ich wieder glücklich sein?

Diese Frage kommt meist im zweiten Jahr, und meist nach einem Moment, in dem jemand gelacht hat und sich sofort dafür geschämt hat.

Die Antwort, die sonst niemand gibt: Ja. Und es nimmt dem Verstorbenen nichts weg. Die Vorstellung, dass Ihr Leid ihm noch irgendetwas nützt, hält keiner Prüfung stand — Sie würden es dem Menschen, den Sie verloren haben, ja umgekehrt auch nicht wünschen, dass er für Sie aufhört zu leben.

Trotzdem hilft es wenig, wenn man sich das nur sagt. Für viele braucht es tatsächlich jemanden, der es ausspricht: eine Freundin, eine Trauerbegleiterin, die Kinder. Wenn es Ihnen leichter fällt, nehmen Sie diesen Absatz als die Erlaubnis.

Wenn es nach über einem Jahr nicht besser wird

Trauer hört nicht auf, sie wird anders. Wenn sich nach mehr als einem Jahr aber gar nichts verändert hat — wenn Sie weiterhin fast jeden Tag von Sehnsucht überwältigt werden, wenn der Alltag nicht wieder in Gang kommt, wenn Sie Orte und Menschen weiterhin meiden — dann ist das etwas, das man behandeln kann.

Für anhaltende, schwere Trauer gibt es seit einigen Jahren eine eigene Diagnose und wirksame Behandlungsformen. Das ist keine Schwäche und kein Zeichen dafür, dass Sie es falsch gemacht haben. Es ist ein Zustand, bei dem Hilfe hilft.

Der Weg dorthin führt über Ihre Hausärztin. Sagen Sie einfach: „Mein Mann ist vor anderthalb Jahren gestorben und ich komme nicht zurecht.“ Das genügt als Einstieg.

Videos zu dieser Zeit