Direkt zum Inhalt springen
WürdeZeit

Leben ab 60

Der andere Teil dieser Seite. Über späte Freiheit, späte Liebe und darüber, allein zu leben, ohne einsam zu sein.

Dieser Bereich ist keine Aufforderung. Wer gerade jemanden verloren hat, kann mit „Genießen Sie die neue Freiheit“ nichts anfangen, und es wäre dreist, das zu behaupten.

Aber irgendwann, oft im zweiten Jahr, kommt die Frage doch: Und jetzt? Über sechzig zu sein heißt oft zum ersten Mal seit Jahrzehnten, dass niemand mehr etwas von einem will. Das ist erst einmal eine Leere. Es kann aber auch etwas anderes werden.

Wie viel Zeit das eigentlich ist

Wer mit fünfundsechzig das Gefühl hat, das Wesentliche liege hinter ihm, rechnet meistens falsch. Nicht aus Schwarzseherei, sondern weil niemand die Zahlen nennt.

Nach der amtlichen Sterbetafel des Statistischen Bundesamts hat eine Frau, die heute 65 ist, im Durchschnitt noch 21 Jahre vor sich. Ein Mann im selben Alter noch 18. Das ist die Spanne von der Einschulung bis weit in die Ausbildung hinein — nur diesmal ohne Schule, ohne Chef und ohne jemanden, der Ihnen vorschreibt, was Sie damit anfangen.

Ein Durchschnitt sagt nichts über einen einzelnen Menschen. Er sagt aber etwas über die Annahme, es sei ohnehin gleichgültig, womit man diese Jahre verbringt. Zwei Jahrzehnte sind kein Rest.

Sterbetafel 2023/2025, veröffentlicht am 7. Juli 2026: Statistisches Bundesamt.

Allein leben, ohne einsam zu sein

Allein sein und einsam sein sind zwei verschiedene Dinge. Man kann allein wohnen und selten einsam sein, und man kann in einer vollen Wohnung sehr einsam sein. Was den Unterschied macht, ist erstaunlich unspektakulär: ein Grund, morgens aufzustehen, und eine feste Verabredung in der Woche.

Was bei vielen funktioniert hat — nicht als Ratschlag, sondern als Liste zum Aussuchen:

  • Eine feste Uhrzeit mit einem festen Menschen. Jeden Dienstag um zehn telefonieren. Verbindlich, nicht „wir hören voneinander“.
  • Ein Ort, an dem man erwartet wird. Der Chor, die Gymnastikgruppe, das Repair-Café, die Bücherei. Es geht weniger um die Sache als darum, dass jemand merkt, wenn man nicht da ist.
  • Etwas, das einen braucht. Ein Beet, ein Tier, ein Enkel, ein Ehrenamt. Gebraucht zu werden trägt anders als unterhalten zu werden.
  • Jeden Tag einmal vor die Tür. Auch bei schlechtem Wetter, auch wenn es nur bis zum Briefkasten geht.

Wenn man anfängt, übergangen zu werden

Es beginnt selten mit einer Kränkung, die man benennen könnte. Es beginnt damit, dass der Arzt die Antwort an die Tochter richtet, obwohl Sie gefragt haben. Dass jemand lauter spricht, ohne zu prüfen, ob Sie schlecht hören. Dass am Schalter gesiezt wird und im Tonfall einer Kindergärtnerin. Dass „für Ihr Alter noch erstaunlich fit“ als Kompliment gemeint ist.

Jedes Einzelne ist zu klein, um sich darüber aufzuregen. In der Summe entsteht daraus der Eindruck, nicht mehr richtig mitzuzählen — und das ist kein Gefühl, das man sich einbildet, sondern die zutreffende Beschreibung dessen, was gerade passiert.

Was dagegen hilft, ist unspektakulär und wirkt sofort:

  • Die Antwort zurückholen. „Ich habe gefragt, bitte antworten Sie mir.“ Ein Satz, freundlich gesagt. Bei Ärzten wirkt er fast immer, weil die wenigsten es mit Absicht tun.
  • Jemanden mitnehmen — als Zeugen, nicht als Sprecher. Vorher abmachen: Du hörst zu und schreibst mit, geredet wird von mir. Das dreht die Rollen zurück, die sich sonst von allein verschieben.
  • Vorsorge trifft man selbst, solange man es kann. Wer keine Vollmacht hinterlegt hat, überlässt die Entscheidung darüber, wer für ihn spricht, irgendwann einem Gericht. Das ist der eine Punkt auf dieser Seite, bei dem Aufschieben tatsächlich etwas kostet.

Und wenn die erwachsenen Kinder anfangen, über Ihren Kopf hinweg zu planen — Umzug, Verkauf, Heim: Sorge ist keine Vollmacht. Solange Sie entscheiden können, entscheiden Sie.

Vorsorge für den eigenen Fall

Was Sie sich nicht mehr antun müssen

Über das Alter wird meistens geredet, als ginge es darum, noch mehr zu schaffen: aktiv bleiben, fit bleiben, dabei bleiben. Für viele liegt die eigentliche Erleichterung woanders — im Weglassen.

  • Einladungen, zu denen Sie nicht wollen. Eine Absage braucht keinen Grund. „Das schaffe ich nicht“ ist eine vollständige Antwort.
  • Kontakte, die nur noch aus Gewohnheit bestehen. Manche Bekanntschaften sind seit zwanzig Jahren anstrengend. Es ist erlaubt, sie einschlafen zu lassen, ohne ein Zerwürfnis zu inszenieren.
  • Das Buch, das Sie nicht mögen. Und den Film, die Serie, den Verein. Zu Ende bringen, was keine Freude macht, ist eine Angewohnheit aus der Schule.
  • Die Rechtfertigung für den eigenen Tagesablauf. Wer um elf frühstückt und nachmittags schläft, schuldet niemandem eine Erklärung.
  • Das Haus, das zu groß geworden ist. Das ist die schwerste Position auf dieser Liste, und sie gehört trotzdem darauf. Nicht sofort, aber irgendwann durchgerechnet.

Der Gewinn beim Weglassen ist nicht die freie Zeit. Es ist die Kraft, die vorher für Dinge draufging, die niemand von Ihnen verlangt hat außer Ihnen selbst.

Späte Liebe

Es ist eines der Themen, zu denen auf dem Kanal am meisten geschrieben wird — und fast immer beginnt die Nachricht mit einer Entschuldigung. „Ich weiß, in meinem Alter…“

Dazu zwei Dinge. Erstens: Eine neue Beziehung nach einem Verlust ist kein Ersatz und keine Untreue. Die Erinnerung an den verstorbenen Partner wird dadurch nicht kleiner — sie steht nicht in Konkurrenz zu dem, was danach kommt.

Zweitens: Bedenken der erwachsenen Kinder sind nichts Ungewöhnliches. Sie haben oft weniger mit dem neuen Menschen zu tun als mit der Angst, dass die Mutter jetzt jemand anderes wird — oder mit Fragen ums Erbe, die selten offen ausgesprochen werden.

Am häufigsten angesehen

Alle Videos aus diesem Bereich