Wenn die Trauer nicht ins Schema passt
Es gibt eine Vorstellung davon, wie Trauer auszusehen hat. Jemand stirbt, es gibt eine Beerdigung, die Leute kondolieren, und der Schmerz ist verständlich, weil alle wissen, wer da gefehlt hat.
Ein großer Teil aller Trauer passt da nicht hinein. Weil die Todesart nicht ausgesprochen wird. Weil die Beziehung für andere nicht zählte. Weil das Gefühl ein anderes ist, als man haben sollte. Oder weil der Verlust so lange her ist, dass niemand mehr daran denkt — außer der Person, die ihn trägt.
Diese Seite ist für diese Fälle. Sie müssen nicht alles lesen — suchen Sie sich heraus, was Sie betrifft.
Wenn jemand sich das Leben genommen hat
Diese Trauer ist von Anfang an eine andere, und zwar aus drei Gründen gleichzeitig.
Die Schuldfrage stellt sich sofort und hört nicht auf. Warum habe ich nichts gemerkt. Warum habe ich an dem Abend nicht angerufen. Warum habe ich den Satz von letzter Woche nicht ernst genommen. Man geht Monate zurück und sucht die Stelle, an der es noch zu ändern gewesen wäre.
Diese Suche findet nie ein Ende, weil es die eine Stelle nicht gibt. Was zu einem Suizid führt, ist in aller Regel eine Krankheit, die das Denken verengt, bis nur noch ein Ausweg sichtbar ist. Ein Mensch in diesem Zustand entscheidet nicht so, wie er es gesund getan hätte — und niemand von außen kann in einen so verengten Blick hineinreichen. Sie waren nicht zuständig für das Überleben eines anderen Menschen.
Es kommt eine Wut dazu, die sich schwer zugeben lässt. Auf den Menschen, der gegangen ist. Auf das, was er den Zurückbleibenden hinterlassen hat. Diese Wut ist üblich und kein Zeichen von Lieblosigkeit; sie steht nur besonders quer, weil man über einen Toten nicht schlecht denkt.
Und das Umfeld weicht aus. Bei keiner anderen Todesart verstummen Gespräche so zuverlässig. Manche wissen nicht, was sie sagen sollen, und sagen deshalb nichts. Andere fragen zu genau. Wieder andere lassen eine Bemerkung fallen, die als Urteil ankommt. Die Folge ist dieselbe: Man erklärt ständig und wird selten gefragt.
Sie schulden niemandem die Todesursache. Es ist in Ordnung zu sagen: „Er ist plötzlich gestorben.“ Und es ist genauso in Ordnung, es zu benennen. Beides ist Ihre Entscheidung, und sie darf von Gespräch zu Gespräch anders ausfallen.
Für diesen Tod gibt es eine eigene Anlaufstelle, und der Unterschied ist spürbar: In einer Gruppe, in der alle dasselbe erlebt haben, muss niemand mehr erklären, bevor er reden kann. AGUS — Angehörige um Suizid vermittelt solche Gruppen bundesweit und ist unter 0921 150 03 80 erreichbar (Montag bis Donnerstag 9 bis 15 Uhr, Mittwoch zusätzlich 17 bis 19 Uhr).
Und falls Sie selbst gerade daran denken, nicht mehr weiterleben zu wollen: Damit sind Sie bei den Nummern unten richtig, Tag und Nacht, ohne Anmeldung und ohne Namen.
Hilfe findenHilfe finden: wuerdezeit.de/hilfe
Wenn Sie erleichtert waren
Nach einem langen Sterben, nach Jahren der Pflege, nach einer Krankheit, die niemanden mehr erkannt hat — da ist der erste Gedanke bei vielen nicht Schmerz, sondern: Es ist vorbei.
Und der zweite Gedanke ist Entsetzen über den ersten.
Diese Erleichterung ist keine Lieblosigkeit. Sie gilt fast nie dem Tod des Menschen, sondern dem Ende eines Zustands: dem Ende des Leidens, das man mit ansehen musste, und dem Ende einer Belastung, die über Jahre alles andere verdrängt hat. Wer einen Menschen bis zuletzt gepflegt hat, hat oft lange vorher zu trauern begonnen — und ist beim Tod schon müde von einer Trauer, die niemand mitbekommen hat.
Dazu kommt bei vielen ein zweiter, stillerer Verlust: Die Aufgabe ist weg. Der Tag hatte eine Struktur, man wurde gebraucht, es gab einen Grund aufzustehen. Wenn das endet, bleibt nicht nur die Person aus, sondern auch die Rolle. Das erklärt, warum manche nach dem Tod eines Pflegebedürftigen in ein tieferes Loch fallen, als alle erwartet hätten.
Sagen Sie es ruhig jemandem. Der Satz „Ich war zuerst erleichtert“ ist in einer Trauergruppe nichts Besonderes — dort nickt die halbe Runde.
Wenn der Mensch schon vorher gegangen ist
Bei einer Demenz stirbt ein Mensch zweimal, und beim ersten Mal darf man nicht trauern. Er sitzt ja da. Er isst, er schläft, er hält die Hand. Nur ist er nicht mehr derjenige, mit dem man vierzig Jahre verheiratet war.
Für diesen Zustand gibt es keine Form. Es gibt keine Beerdigung für den Menschen, der verschwunden ist, keine Karten, keinen Tag, an dem es geschehen ist. Und es gibt kein Ende: Man verabschiedet sich immer wieder, und am nächsten Morgen ist die Person noch da.
Wenn dann der Tod kommt, stimmt oft nichts von dem, was erwartet wird. Manche empfinden wenig, weil das Weinen Jahre vorher stattgefunden hat. Andere trifft es umso härter, weil mit dem Tod auch die letzte Hoffnung auf einen klaren Moment endet. Beides kommt vor, und keines von beidem ist verkehrt.
Wer das erlebt, wird selten gefragt, wie es ihm geht — Umfeld und Ärzte sehen den Pflegefall und nicht den Trauernden. Auch hierfür gilt: Eine Gruppe mit Menschen, die dasselbe kennen, nimmt mehr ab als jeder gut gemeinte Rat.
Wenn Sie ihn nicht gemocht haben
Nicht jeder Tote war ein guter Mensch. Es sterben Väter, die geschlagen haben. Mütter, die kein gutes Wort hatten. Ehepartner, von denen man sich hätte trennen sollen und bei denen man geblieben ist. Geschwister, mit denen seit zwanzig Jahren kein Wort gewechselt wurde.
Bei der Beerdigung wird dann von einem Menschen gesprochen, den man nicht wiedererkennt, und man steht daneben und darf nichts sagen. Das ist eine eigene Art von Einsamkeit.
Was viele überrascht: Sie trauern trotzdem. Nur eben nicht um die Person, sondern um das, was es nie gegeben hat — den Vater, der er hätte sein können, die Aussprache, die jetzt nicht mehr stattfindet, die Entschuldigung, auf die man ein Leben lang gewartet hat. Mit dem Tod fällt die Möglichkeit weg, dass es doch noch gut wird. Das ist ein echter Verlust, auch wenn er schwer zu erklären ist.
Sie müssen nichts verzeihen, um damit fertig zu werden. Versöhnung ist ein Angebot und keine Pflicht, und niemand kann sie von Ihnen verlangen — schon gar nicht im Namen eines Menschen, der nicht mehr da ist.
Wenn niemand kondoliert hat
Manche Beziehungen stehen in keiner Traueranzeige. Der geschiedene Mann, mit dem man dreißig Jahre verheiratet war und zehn befreundet. Die Frau, mit der man zusammen war, ohne dass es die Familie wusste. Der beste Freund, den die Angehörigen nie kennengelernt haben. Der Kollege, mit dem man jeden Tag Mittag gegessen hat.
In solchen Fällen erfährt man es oft spät, sitzt in der letzten Reihe oder wird gar nicht eingeladen. Es gibt keinen Anspruch auf Rücksicht, keine Karten, keinen freien Tag. Die Trauer ist da, aber sie hat keinen Ort.
Wenn Ihnen das passiert: Machen Sie sich selbst einen Ort. Ein eigener Abschied zählt, auch wenn er aus einer Kerze und einer Stunde besteht. Schreiben Sie ihm den Brief, den Sie bei der Beerdigung nicht halten durften. Gehen Sie zu zweit an eine Stelle, die mit ihm zu tun hat. Es braucht dafür keine Genehmigung durch die Familie.
Ein Kind, das schon erwachsen war
Wenn ein Kind vor den Eltern stirbt, stimmt die Reihenfolge nicht, und das gilt unabhängig davon, ob es vier war oder vierundfünfzig.
Beim erwachsenen Kind kommt etwas hinzu, das kaum jemand anspricht: Die Aufmerksamkeit gilt zuerst der Witwe, dem Witwer, den Enkelkindern. Die Eltern gelten als die zweite Reihe, obwohl sie gerade ihr Kind verloren haben. Oft sind sie alt, oft werden sie geschont, und oft übernehmen sie zusätzlich noch die Sorge um die Schwiegertochter und die Enkel — und kommen selbst nicht vor.
Dazu kommt die Angst, die eigenen Kräfte könnten dafür nicht mehr reichen. Wer mit achtzig sein Kind begräbt, hat nicht mehr die Jahrzehnte, von denen alle sagen, sie würden helfen.
Es gibt dafür einen eigenen Verband, und er ist ausdrücklich auch für die Geschwister da, die in solchen Situationen noch seltener gefragt werden: Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister, erreichbar unter 0341 9468884. Er vermittelt Gruppen in der Nähe, unabhängig davon, wie alt das Kind war und woran es gestorben ist.
Ein Kind, das nie geboren wurde
Viele Frauen, die heute über sechzig sind, haben eine Fehlgeburt erlebt, über die nie gesprochen wurde. Damals hieß es, man solle nach vorne schauen und es bald wieder versuchen. Es gab kein Grab, keinen Namen, oft nicht einmal eine Auskunft darüber, was mit dem Kind geschehen ist. Gefragt hat später niemand mehr.
Diese Trauer verjährt nicht. Sie meldet sich manchmal nach vierzig Jahren wieder, wenn ein Enkelkind geboren wird oder ein Datum sich jährt, das außer der Mutter niemand kennt.
Es gibt dafür heute ein Papier, auch rückwirkend. Das Personenstandsrecht unterscheidet: Ab 500 Gramm oder ab der 24. Schwangerschaftswoche wird ein Kind als Totgeburt beurkundet. Darunter — also bei einer Fehlgeburt — geschieht das nicht automatisch, aber die Eltern können die Fehlgeburt beim Standesamt anzeigen und bekommen auf Wunsch eine Bescheinigung (§ 31 der Personenstandsverordnung). Auf dieser Bescheinigung darf das Kind einen Namen tragen.
Das gilt ausdrücklich auch für lange zurückliegende Fehlgeburten. Gebraucht wird ein Nachweis — eine ärztliche Bescheinigung oder der alte Mutterpass. Zuständig ist das Standesamt an dem Ort, an dem die Fehlgeburt eingetreten ist, nicht das an Ihrem heutigen Wohnort.
Ob Ihnen ein solches Blatt Papier etwas bedeutet, wissen nur Sie selbst. Manche brauchen es nicht. Für andere ist es das erste Mal, dass eine amtliche Stelle bestätigt, dass es dieses Kind gegeben hat.
Ein Tier
Hier lächeln viele, und das ist der ganze Punkt. Wer einen Hund verliert, bekommt zu hören, man könne sich ja einen neuen holen. Für einen Menschen würde das niemand sagen.
Für jemanden, der allein lebt, war dieses Tier oft der einzige tägliche Kontakt: der Grund, morgens aufzustehen, der Anlass für den Gang um den Block, das einzige Lebewesen, das abends im Raum war. Mit ihm fällt nicht nur ein Tier weg, sondern auch die Tagesstruktur und der letzte selbstverständliche Körperkontakt.
Wenn es kurz nach einem anderen Verlust passiert, trifft es doppelt — oft war das Tier das letzte Lebewesen, das den Verstorbenen noch gekannt hat.
Sie müssen das niemandem erklären und sich für nichts entschuldigen.
Was diese Fälle verbindet
So verschieden sie sind — sie haben dasselbe Grundmuster: Die Trauer ist da, aber sie bekommt von außen keine Bestätigung. Niemand fragt nach, niemand rechnet damit, und irgendwann fängt man selbst an zu zweifeln, ob man überhaupt das Recht dazu hat.
Dieser Zweifel ist das eigentliche Problem. Trauer, die sich rechtfertigen muss, bevor sie stattfinden darf, findet meistens gar nicht statt — sie wird weggeschoben und kommt Jahre später wieder, zu einem Zeitpunkt, der niemandem einleuchtet.
Drei Dinge helfen in allen diesen Fällen:
- Nennen Sie es beim Namen. Nicht „da war mal was“, sondern: Mein Kind ist gestorben. Mein Mann hat sich das Leben genommen. Ich habe ihn nicht gemocht und trauere trotzdem. Was einen Namen hat, lässt sich ansehen.
- Suchen Sie jemanden mit demselben Fall. Nicht irgendeine Gruppe, sondern eine, in der das Besondere Ihres Verlusts normal ist. Der Unterschied zwischen „das muss schlimm sein“ und „das kenne ich“ ist der ganze Unterschied.
- Warten Sie nicht auf Erlaubnis. Sie wird nicht kommen. Ein eigener Abschied, ein eigenes Datum, ein eigener Ort — das dürfen Sie sich nehmen, ohne dass jemand zustimmt.
Und wenn Sie das Gefühl haben, dass es allein nicht geht: Die Stellen unten sind für alle diese Fälle da, auch wenn Ihr Fall in keiner Überschrift steht.