Die fünf Phasen, die es so nicht gibt
Die Einteilung stammt von der Ärztin Elisabeth Kübler-Ross, die sie 1969 in ihrem Buch „Interviews mit Sterbenden“ veröffentlicht hat. Sie hatte dafür schwerkranke Menschen begleitet und beschrieben, was diese auf dem Weg zum eigenen Tod durchmachen. Ihr Gegenstand waren also die Sterbenden — nicht die, die zurückbleiben.
Kübler-Ross selbst hat außerdem ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie diese Kategorien der Übersichtlichkeit halber künstlich voneinander getrennt hat und dass sie weder in dieser Reihenfolge noch vollständig auftreten müssen. Was daraus im Umlauf geworden ist — eine Treppe, die man Stufe für Stufe hinaufgeht, bis oben die Annahme wartet — hat sie so nie behauptet.
Warum das mehr ist als akademische Haarspalterei: Wer glaubt, es gebe einen richtigen Ablauf, hält sich für gescheitert, sobald er nicht hineinpasst. Und fast niemand passt hinein. Menschen, die im vierten Monat wütender sind als in der ersten Woche, die ein halbes Jahr lang nicht weinen können und dann im Supermarkt zusammenbrechen, die morgens „angenommen“ haben und abends wieder ganz am Anfang stehen — die sind nicht rückfällig. Die trauern.
Was die Trauerforschung stattdessen beschreibt: das Pendeln
Das heute gebräuchlichste Modell stammt von den niederländischen Forschern Margaret Stroebe und Henk Schut aus dem Jahr 1999 und heißt Duales Prozessmodell. Es kommt ohne Stufen aus und beschreibt stattdessen eine Pendelbewegung zwischen zwei Seiten.
Auf der einen Seite steht die Zuwendung zum Verlust: weinen, Fotos ansehen, die Stimme auf dem Anrufbeantworter behalten, die Umstände des Todes immer wieder durchgehen. Auf der anderen Seite steht die Zuwendung zum Leben, das weitergeht: einkaufen, die Steuererklärung machen, das Auto ummelden, lachen, einen neuen Tagesablauf finden.
Gesund ist nach diesem Modell nicht, möglichst schnell auf der zweiten Seite anzukommen — sondern die Fähigkeit, zwischen beiden hin und her zu wechseln. Wer nur trauert, erschöpft sich. Wer nur funktioniert, vertagt es. Das Pendeln selbst ist die Bewältigung.
Für den Alltag heißt das etwas sehr Praktisches: Ein Nachmittag, an dem Sie im Garten waren und nicht an den Verstorbenen gedacht haben, ist kein Verrat und kein Rückschritt. Er ist die andere Hälfte der Arbeit.
Was in den ersten Monaten tatsächlich hilft
Es gibt keine Methode, die die Trauer verkürzt, und wer eine verspricht, verkauft etwas. Es gibt aber Dinge, die Trauernde übereinstimmend als tragend beschreiben — und sie sind erstaunlich unspektakulär.
- Eine feste Aufstehzeit. Auch nach einer schlechten Nacht, auch wenn es keinen Grund gibt. Der Tag hat sonst keinen Anfang, und ohne Anfang wird er lang.
- Zu festen Zeiten essen, auch ohne Appetit. Trauer kostet den Körper Kraft, und zu wenig zu essen verstärkt Erschöpfung und Grübeln messbar.
- Jeden Tag einmal vor die Tür. Und sei es bis zum Briefkasten. Nicht als Sport, sondern damit der Tag eine Außenseite hat.
- Eine feste Verabredung in der Woche. Etwas, das stattfindet, ohne dass Sie sich jedes Mal neu aufraffen müssen — Dienstag um zehn telefonieren, Donnerstag Gymnastik, Sonntag Kaffee bei der Nachbarin.
- Aufschreiben. Nicht als Tagebuch mit Anspruch, sondern als Ablage: Was mir heute durch den Kopf ging. Viele berichten, dass Gedanken dadurch aufhören, nachts im Kreis zu laufen.
- Eine Kiste für die Papiere und zweimal die Woche eine halbe Stunde mit Wecker. Danach aufhören. Das Erledigte wächst, ohne dass ein ganzer Tag daran hängt.
Was nicht hilft
Ebenso wichtig, weil es Ihnen fast sicher jemand nahelegen wird:
- Große Entscheidungen im ersten halben Jahr. Umziehen, verkaufen, zu den Kindern ziehen. Was sich später als richtig erweist, ist auch in einem Jahr noch richtig.
- Die Wohnung schnell ausräumen. Wer in der ersten Woche weggibt, bereut es überdurchschnittlich oft. Andersherum hat noch niemand bereut, zu lange gewartet zu haben.
- Sich zusammenreißen, damit die anderen es leichter haben. Das verlagert die Last nur nach innen.
- Alkohol und Beruhigungsmittel, um durch den Abend zu kommen. Beides verschiebt die Trauer, statt sie zu erleichtern, und beides wird in dieser Lage schnell zur Gewohnheit.
- Vergleiche. Weder mit anderen Trauernden noch mit sich selbst vor einem Monat.
Woran Sie merken, dass es Zeit für Hilfe ist
Trauer ist keine Krankheit und braucht keine Behandlung. Es gibt aber Punkte, an denen Sie nicht abwarten sollten, ob es von selbst besser wird: wenn Sie Gedanken haben, sich das Leben zu nehmen. Wenn Sie deutlich abgenommen haben. Wenn Sie das Haus seit Wochen nicht verlassen. Wenn Sie mehr trinken als früher. Wenn nach über einem Jahr keinerlei Veränderung eingetreten ist.
Die erste Adresse dafür ist Ihre Hausärztin — sie kennt Sie und weiß, wohin sie weiterverweisen kann. Ein Satz genügt als Einstieg: „Mein Mann ist vor einem halben Jahr gestorben und ich komme nicht zurecht.“
Für alles dazwischen gibt es Trauergruppen und Trauerbegleitung. Dafür muss nichts schlimm genug sein, und viele Gruppen kosten nichts.
