Warum „gut gemeint“ und „hilfreich“ zwei Dinge sind
Lange galt als selbstverständlich, dass Zuwendung ankommt. Wer tröstet, meint es gut, also tut es gut — so die Annahme, und sie klingt vernünftig.
Im Jahr 1985 erschien ein Aufsatz, der sie beendet hat. Camille Wortman und Darrin Lehman veröffentlichten „Reactions to Victims of Life Crises: Support Attempts That Fail“, auf Deutsch etwa: Reaktionen auf Menschen in Lebenskrisen — Unterstützungsversuche, die scheitern. Die beiden hatten Menschen befragt, die ihren Partner oder ihr Kind verloren hatten, und wollten von ihnen selbst wissen, was ihnen gesagt worden war und wie es angekommen ist.
Die Befragten nannten Sätze wie „Ich weiß genau, wie du dich fühlst“, „Es war Gottes Wille“ und „Gut, dass Sie noch andere Kinder haben“. Gesagt hatten sie Menschen, die helfen wollten. Gehört wurden sie als das Gegenteil. Damit war belegt, was vorher kaum jemand für möglich hielt: Ein Trostversuch kann schaden, ohne dass jemand etwas falsch machen wollte.
Was diese Sätze gemeinsam haben
Die drei Beispiele sehen verschieden aus und tun doch dasselbe. Der erste setzt gleich: Wer sagt, er wisse genau, wie sich das anfühlt, stellt die eigene Erfahrung an die Stelle der fremden. Der zweite ordnet ein: „Gottes Wille“ gibt dem Tod einen Sinn, den der Trauernde nicht ausgesucht hat. Der dritte rechnet auf — er verrechnet einen Menschen mit anderen, die noch da sind.
Allen dreien ist gemeinsam, dass sie eine Antwort geben, wo keine Frage gestellt wurde. Sie schließen das Thema ab, statt es offen zu lassen. Wer sie hört, merkt genau das: Hier ist gerade etwas zu Ende erklärt worden, was für mich nicht zu Ende ist.
Damit ist auch gesagt, warum die Suche nach der perfekten Formulierung in die Irre führt. Das Problem liegt nicht in der Wortwahl, sondern in der Richtung. Der Satz will etwas zurechtrücken, das sich nicht zurechtrücken lässt.
Die Ringe: wohin Trost gehört und wohin die eigene Erschütterung
Im April 2013 beschrieben die klinische Psychologin Susan Silk und der Mediator Barry Goldman in der Los Angeles Times ein Bild, das seither Ringtheorie heißt. Silk war selbst an Brustkrebs erkrankt; die Bemerkung einer Kollegin hatte sie darauf gebracht.
Man zeichnet Ringe um den Menschen, den es getroffen hat. In der Mitte steht er selbst. Im nächsten Ring stehen die, die ihm am nächsten sind — der Partner, die Kinder. Weiter außen Geschwister und enge Freunde, dann Nachbarn, Kollegen, Bekannte.
Dazu gehören zwei Regeln. Wer in der Mitte steht, darf alles sagen, zu jedem. Alle anderen dürfen das auch, aber nur nach außen. Trost geht nach innen, die eigene Erschütterung nach außen.
Der Satz „Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, so mitgenommen hat mich das“ ist ehrlich und wahr. Der Witwe gesagt, macht er sie zur Trösterin — sie muss nun den anderen beruhigen. Der eigenen Schwester gesagt, ist derselbe Satz am richtigen Ort. Es ist nicht der Satz, der schadet, sondern seine Richtung.
Wenn der Trauernde tröstet
Wer in der Mitte der Ringe steht, merkt rasch, dass Besuche eine Aufgabe mitbringen. Der Nachbar steht in der Tür und ringt sichtbar um Fassung. Die Kollegin fängt an zu weinen. Der Schwager erzählt, wie sehr ihn die Nachricht mitgenommen hat. In all diesen Augenblicken geschieht dasselbe: Der Trauernde beruhigt.
Das passiert ohne Absicht und meist, ohne dass es jemandem auffällt. Es geht schon. Wir kommen zurecht. Machen Sie sich keine Sorgen. Drei Sätze, die nichts über den eigenen Zustand sagen und alles darüber, was der andere gerade braucht.
Die Folge zeigt sich später. Wer wochenlang die Fassung wahrt, damit die Besucher es aushalten, gewöhnt es sich an. Und weil das Umfeld die gefasste Antwort bekommt, hält es sie für die Wahrheit und zieht sich beruhigt zurück. So entsteht die Stille, über die sich dann beide wundern.
Für Begleitende steckt darin die einzige Handlungsanweisung, die dieser Text gibt: Wenn Sie nach einem Besuch bemerken, dass Sie getröstet worden sind, war der Besuch für Sie. Das ist kein Vorwurf, es geschieht jedem. Es ist ein Anlass, den nächsten anders zu beginnen.
Wenn der Verlust gar nicht erst als Verlust gilt
Es gibt Trauer, bei der niemand das Falsche sagt, weil überhaupt nichts gesagt wird. Kenneth Doka hat dafür 1989 einen Begriff geprägt: „Disenfranchised Grief“, entrechtete Trauer. Gemeint ist die Trauer um einen Verlust, der nicht offen anerkannt, nicht öffentlich betrauert und nicht sozial getragen werden kann.
Doka unterscheidet, was jeweils nicht anerkannt wird. Manchmal ist es die Beziehung: die Geliebte, der geschiedene Ehepartner, der beste Freund, der in der Todesanzeige nicht vorkommt. Manchmal der Verlust selbst: eine Fehlgeburt, ein Tier, ein Mensch, der noch lebt und sich doch verabschiedet hat. Und manchmal der Trauernde: ein Kind, dem man es ersparen will, ein alter Mensch mit Demenz, dem man es nicht zutraut.
Wer hier auf den richtigen Satz wartet, wartet vergebens, denn im Umfeld ist gar nicht vorgesehen, dass es etwas zu sagen gäbe. Das Erste ist deshalb nicht die Formulierung, sondern die Anerkennung, dass hier jemand etwas verloren hat.
Der Wunsch, das Richtige zu sagen
Wer nach dem richtigen Satz sucht, macht aus einem Besuch eine Aufgabe, die gelingen oder misslingen kann. Und weil das Misslingen schwerer wiegt als das Nichtstun, entsteht daraus das Schweigen — nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus einem Anspruch, den niemand erfüllen kann.
Es gibt keinen Satz, der einen Tod kleiner macht. Diese Suche ist aussichtslos, und darin liegt die Entlastung: Man kann sie aufgeben, ohne etwas zu verlieren.
Was danach übrig bleibt, ist wenig und genügt. Es steht auf „Worte finden“, mit Beispielen zum Abschreiben — und es besteht im Kern darin, da zu sein, ohne etwas zu erklären.
